Presse - 9

20. Nov. 2006 - Die Welt

"Ein Heim geben und Selbstbewusstsein vermitteln"

Von Oliver Schirg

Das Harburger Löwenhaus ist für Kinder aus armen Familien fast
Elternersatz. Jetzt wird es in andere Stadtteile "exportiert".

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     19. Jahrhunderts. Grimmig schauen sie drein, aber auch selbstbewusst.
     Geradezu mächtig. Drei Stufen geht es hoch, dann nach links in den gut
     60 Quadratmeter großen Raum. Einst beherbergte er eine Apotheke, die
     dunkle Holzanrichte erinnert daran. Es ist ein normaler Novembertag,
     ein Uhr, Harburg, Schlossmühlendamm 25. Essensgeruch wabert durch den
     Raum, heute gibt es Gemüseeintopf. An einem der fünf Tische mit den
     abwaschbaren Blumentischdecken sitzen vier Kinder. Ein Jugendlicher
     beugt sich über sie. Er kontrolliert, was eines der Kleinen in sein
     Schulheft schreibt.

     Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) betreibt hier, nur einen Steinwurf
     vom Phönix-Viertel entfernt, sein Löwenhaus. Mehr als 30 Kinder und
     Jugendliche im Alter zwischen sechs und 17 Jahren finden täglich nach
     der Schule hierher, bekommen kostenlos ein Mittagessen, machen
     gemeinsam Hausaufgaben und Ausflüge. Das Besondere: Es sind die
     Älteren aus der neunten und zehnten Klasse der Haupt- und Realschule
     Bunatwiete, die Betreuung wie Hausaufgabenkontrolle übernehmen. Und:
     Die Schulbehörde habe den ASB gebeten, das Harburger Projekt im Rahmen
     des Bürgermeisterprogramms "Lebenswerte Stadt" in andere sozial
     schwache Stadtteile zu "exportieren", sagt ASB-Chef Knut Fleckenstein.
     In Wilhelmsburg gehe es im Januar los.100 Millionen Euro nimmt der
     Senat in den kommenden vier Jahren in die Hand, um die sich rasant
     verschärfende soziale Spaltung der Stadt zu mildern. Von dem Geld
     werden die Grundschulen profitieren, weil es für mehr Lehrer und
     Erzieher ausgegeben werden soll. Und Projekte wie das Löwenhaus, weil
     hier - darauf dürften die eigentlichen Hoffnungen der Rathauspolitiker
     ruhen - rasch, unbürokratisch und ohne viele Fragen zu stellen
     geholfen wird. "Es geht uns darum, den Kindern ein Heim zu geben und
     ihnen zugleich Selbstbewusstsein zu vermitteln", sagt Projektleiter
     Rainer Micha, ein handfester 60-Jähriger. Für ihn sind die jährlichen
     Löwenhaus-Kosten von rund 160 000 Euro gut angelegtes Geld.

     Während im fernen Rathaus Regierung und Opposition über Details
     streiten und darüber, wer den Ruhm in Form von Wählerstimmen erntet,
     spüren jene, die im Löwenhaus ein und aus gehen, dass Welten zwischen
     dem Rathausmarkt und dem Schlossmühlendamm liegen. Kein Vorwurf, nur
     alltägliche Erkenntnis. Von einer "verlorenen Generation" will Micha
     nicht sprechen. Er bevorzugt den Begriff Elternschwänzer, weil die
     meisten der Kinder nicht wissen, wie es ist, mit Mutter und Vater am
     Frühstücks- oder Abendbrottisch zu sitzen oder in den Arm genommen zu
     werden. Auf die Frage, wann ihn seine Eltern das letzte Mal gefragt
     hätten, was er sich wünsche, schaut ein Junge nur irritiert. Er weiß
     nicht, was gemeint ist.

     "Wir haben hier ein Geschwisterpaar, die müssen immer vorher anrufen,
     ob sie nach Hause kommen dürfen", berichtet Micha. Von anderen wisse
     man nicht einmal die Nachnamen. Aber das sei nicht wichtig. Manchmal
     aber Voraussetzung dafür, dass sie überhaupt kommen. "Die Kinder
     brauchen Stabilität in ihrem Leben", sagt Micha. Verbindlichkeit in
     dem Sinne, dass sie sich heute sicher sein können, morgen wiederkommen
     zu können und willkommen zu sein.

     Für die Älteren wiederum bietet das Haus die Chance, Verantwortung zu
     übernehmen. "Die Kleinen sehen in mir eine Art Vorbild", erzählt die
     17-jährige Julia Hofs. "Aber manchmal bin ich die große Schwester, der
     sie Dinge anvertrauen, die sie Erwachsenen nicht erzählen würden."
     Connor van Hauten macht im Löwenhaus ein dreiwöchiges Praktikum. "Mir
     geht es darum, herauszubekommen, was mir gefällt", erzählt der
     15-Jährige. Auch er spürt die Vorbildfunktion, nennt die Jüngsten
     "kleine Kumpels", die schon mal um Rat fragten, wenn sie Stress
     hätten.

     Hermann Krüger, Leiter der Schule Bunatwiete, lobt die Praxisnähe des
     Projekts. Die älteren Schüler könnten die Arbeit im Löwenhaus in der
     Schule als Wahlpflichtkurs anmelden. Ihre Bewertung fließe Ende des
     Jahres in das Zeugnis ein. Wobei der Kurs nur eineinhalb Stunden pro
     Woche vorschreibt, die Jugendlichen aber mindestens fünf Stunden hier
     verbrächten. Ganz nebenbei besserten die Hauptschüler ihren Ruf auf.
     "Spätere Arbeitgeber wissen, sie bekommen Lehrlinge mit sozialer
     Kompetenz und dem Willen, aus ihrem Leben etwas zu machen."

     Artikel erschienen am 20.11.2006