Dialog mit den Urenkeln

09./10. Oktober 2004 - Hamburger Morgenpost

Dialog mit den Urenkeln
SIGRID MEISSNER

Jenfelder Schüler treffen auf ehemalige Hamburger Zwangsarbeiter aus Prag

Gerade 14 und 15 Jahre alt waren Brigitta, Eva und Dagmar, als sie 1944 als jüdische Sklavenarbeiterinnen aus der besetzten Tschechoslowakei in Hamburg Kriegstrümmer und Schutt wegräumen mussten. Sie waren so alt wie die Jugendlichen der 9. Klasse aus der Schule Charlottenburger Straße in Jenfeld, die ihnen im Oktober 2004, 60 Jahre später, gegenübersitzen und gebannt zuhören. Ausgehungert und ständig erschöpft mussten sie die schwere Arbeit verrichten, auch bei Bombenangriffen. Brigitta Bakovskà, Eva Keulemansovà, Dagmar Lieblovà und die damals 21 Jahre alte Ruth Goetzovà sagen: "Für uns war es die Rettung." Die Sklavenarbeit bewahrte sie vor dem Gastod in Ausschwitz, wohin die Nazis sie bereits verschleppt hatten. Das Lager am Dessauer Ufer, einer Außenstelle des KZ Neuengamme "war fast wie das Paradies", sagt Dagmar Lieblovà. In Ausschwitz wurden die Menschen zusammengepfercht, hier hatte jede eine Pritsche und einen Stuhl für sich. Schülerin Christina (15) hört mit großen Augen zu. " Man kann das gar nicht wirklich nachempfinden," sagt sie leise. "Ich habe mit meinen Kindern lange nicht über die schlimmen Jahre sprechen können," gesteht Eva Keulemansovà. Umso wichtiger ist ihr der "Dialog mit den Urenkelinnen und Urenkeln" gegen das Vergessen (siehe Kasten rechts). 20 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter waren für sechs Tage in Hamburg, begleitet von Jugendlichen aus Prag. Dominika ist 22 Jahre alt und mit ihrem Großvater CÆeslav RoubicÆek gekommen. Sie war 16, als ihr der Opa beim Kirschenernten seine Geschichte erzählte. Gleich nach dem Abitur 1942 schickten die Nazi-Besatzer den jungen CÆeslav nach Deutschland. Er wurde abkommandiert nach Kiel zur Feuerwehr. Die Bewährung folgte in den schlimmen Bombennächten im Juli 1943 in Hamburg. "Wir haben Phosphorbomben mit bloßen Händen angefasst", erzählt der 81-Jährige. Seine Erinnerungen stecken akribisch aufgeschrieben in einem dicken Buch. Zeitungsartikel und Fotos hat er eingeklebt und deutschen Bürokratenwahnsinn dokumentiert: Briefe des Polizeipräsidenten in Kiel, der von ihm 1,25 Reichsmark einforderte - Gegenwert für ein Paar verloren gegangene Hosenträger. Für Christine und die 14-jährige Melanie ist die Begegnung besondere Unterrichtsstunde. "Wir haben uns in der Klasse auch mit dem Thema Zwangsarbeit beschäftigt", erzählt Melanie. Und CÆeslav RoubicÆek erwidert: "Wenn ich in den Aufzeichnungen blättere, kann ich gar nicht glauben, dass ich das wirklich erlebt habe."

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