Demokratieerziehung in Hamburg

Eine Tagungs-Reportage von Lisa Rosa

Leidenschaftliche Debatten, Konzepte wissenschaftlicher Experten, Projekte außerschulischer Initiativen  und sehr heterogen zusammengesetzte Workshops - dieses bunte Bild bot sich den über 200 Menschen, die vom 25. bis 29.10.05 am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung zusammenkamen, um sich über Demokratieerziehung in Hamburg  auszutauschen. Es war eine intensive Beratung über den Zaun der Interessengruppen hinweg - an den über 30 Workshops und den drei Foren sowie der abschließenden Talk-Runde mit Herbert Schalthoff beteiligten sich Lehrkräfte und Schulleiter, aber auch Schüler, Eltern und Vertreter der Schulbehörde.

In seinem öffentlichen Gespräch mit Reinhard Kahl am Abend des 25. Oktober machte Prof. Wolfgang Edelstein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zum Auftakt der Tagung deutlich, dass Demokratie nicht bloß eine Sache der Institutionen und Gremien ist, sondern eine Lebensform, die nur gelernt werden kann, indem sie stattfindet. Edelsteins Aufforderung, Verbündete zu suchen für die Entwicklung der Hamburger Schule zu einer demokratischen Schule für Alle, stellte sich als Hintergrund-Motto der gesamten Tagung heraus. Tatsächlich boten die intensiven Arbeitstage die Gelegenheit, Kommunikations- und Kooperationspartner – Verbündete also –  innerhalb der Institution Schule sowie in der außerschulischen Jugendpädagogik an einem zentralen Ort kennen zu lernen, dabei Kontakte zu knüpfen, sich über die Grenzen des eigenen Praxisraums hinweg auszutauschen und Verabredungen für eine Zusammenarbeit zu treffen. Diese Chance war der Hauptgewinn der Tagung, und sie wurde reichlich genutzt. Ein weiterer Erfolg der Tagung ergab sich aus der offenen Atmosphäre, in der öffentlich kontrovers diskutiert und produktiv gestritten werden konnte. Dabei wurden die Kernprobleme und –fragen deutlich, die gelöst werden müssen auf dem Weg zu einer demokratischen Lernkultur und einer Schule für Alle.

Ein engagiertes Plädoyer für die Fähigkeit zur Selbstreflexion auch bei denjenigen, die eine Innovation ins Werk setzen wollen, hielt der Hamburger Politikdidaktiker Prof. Tilman Grammes am Donnerstagnachmittag. „Ein inflationär gebrauchter Kompetenzbegriff“, so Grammes, „vermittelt der pädagogischen Arbeit gerade kein Zentrum, sondern verstärkt eine additive Beliebigkeit.“ Methoden dürften nicht auf Arbeitstechniken reduziert werden. Grammes entwarf stattdessen die Umrisse eines Kerncurriculums, das „die Entscheidung über konkrete Unterrichtsmethoden beim autonomen Lehrer“ lassen müsse, aber zugleich „gegenstandskonstitutive Sachmethoden“ definiere: so z. B. Verfahren der Streitschlichtung und der kollektiven Willensbildung.

Die Workshops und Infostände der Tagung spiegelten die Vielfalt dessen wider, was in Hamburg an Projekten in Schulen, Stadtteilinitiativen und Verbänden mit Kindern und Jugendlichen im Bereich demokratischen Engagements existiert: beeindruckende Kooperationsprojekte wie beispielsweise das Projekt „Dialog der Urenkelinnen und Urenkel“, ein Projekt der Initiative „Sozial macht Schule“ des Arbeiter-Samariter-Bunds. Eine Klasse der Schule „Charlottenburger Straße“ hatte in Hamburger Archiven über tschechische Zwangsarbeiter geforscht, mit den Überlebenden in Tschechien Kontakt aufgenommen und einen Dialog begonnen, der auch zu gegenseitigen Besuchen geführt hatte. Seit 2002 wird das Projekt außerdem von Prof. G. Mitchell und Studierenden der Hamburger Universität wissenschaftlich begleitet und ist in einem Film dokumentiert worden. Dies ist nur eines der Beispiele dafür, wie Schule, Jugendhilfe und Universität erfolgreich kooperieren können.

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